Manchmal kommt dieser Gedanke ganz zufällig auf. „Was macht XY eigentlich gerade? Und was ist aus YX geworden?“ so ähnlich ging es mir auf das Netz bezogen die Tage ebenfalls. Von jetzt auf gleich schoss mir ohne näheren Bezug die Frage durch den Kopf, was eigentlich einige ältere Freunde und Internetnutzer heutzutage nach Feierabend treiben. Ob die alte Sammelstelle, ein vor mehr als 10 Jahren eingerichteter Chat noch genutzt würde, musste sich zu diesem Zeitpunkt erst noch zeigen.

Da ich trotz Abwesenheit stets ein Auge auf meine erste Community aus Jugendzeiten hatte, war es mir vor rund zwei, vielleicht auch drei Jahren nicht entgangen dass ein Führungswechsel auch dringend nötige Änderungen mit sich brachte. Das Projekt lag seit Jahren brach und brachte weder nennenswert neue Besucher noch Änderungen mit sich. Das änderte sich nach der Übernahme durch einen neuen Administrator. Der Chat, damals neben dem Forum vorrangiger Treffpunkt für einen eingeschworenen Kreis wurde schlicht abgestoßen. Verständlich in meinen Augen. Mainchat war bereits zu dieser Zeit ein technisch uraltes Relikt und hatte kaum Argumente warum man ihn verwenden sollte. Eine veraltete Technik, regelmäßige Probleme mit neuen Browsern und eine Sicherheitspolitik die jeder Troll mit Gastzugriff und beliebig vielen Besuchen in Sekunden umgehen konnte. Ob IRC die bessere Wahl war mag ich nicht beurteilen. Ich mag dieses Urgestein fast noch weniger.

Fest stand nur dass der damalige Chat vom Projekt abgestoßen und die alteingesessenen Benutzer nicht auf die neue Plattform hatten wechseln wollen. Ob und wie viele ich antreffen würde, sofern der Chat überhaupt noch existierte war eine Frage deren Antwort ich nicht zu schätzen vermochte. Das Ergebnis überraschte dann doch und offenbarte mehr als ich vermutet hätte. Nach kurzer Recherche über Google war der Chat gefunden und hatte sich praktisch nicht verändert. Zwei Grafiken fehlten im Layout, doch das taten sie schon als ich vor etlichen Jahren zuletzt einen Abend dort verbracht hatte.

Zwei Benutzer hatten sich seither umbenannt, ansonsten war alles beim Alten. Trotz jahrelanger Abstinenz stellte sich durch diesen Umstand bereits nach wenigen Minuten ein Gefühl ein, mit dem ich am wenigsten gerechnet hätte. Ich sah mich um, wurde verwundert bis erfreut begrüßt, wechselte einige kurze Worte und fühlte mich „wieder zuhause“. Selbst nach so vielen Jahren Abstinenz konnte ein Chatroom, der mir aus beruflicher Sicht Gänsehaut bereitet, mit nur wenigen bekannten Gesichtern das Gefühl einer Heimat in den Weiten des Internet geben. Es war ein Gefühl, fast so als käme man nach etlichen Jahren wieder in den Ort, an dem man als Kind aufwuchs.

Schnell waren alte Erinnerungen und weit zurück liegende Gesprächsthemen ausgetauscht. Dinge an die ich mich nach gut 10 Jahren überhaupt nicht mehr erinnert hätte, wurden schnell Gesprächsthema. Es tat auf seine Art gut. Mal keine geschäftliche Diskussionsrunde, keine Einweisung oder Hilfestellung eines Bekannten, Kollegen oder Kunden. Nichts was verpflichtend oder an Erledigungen erinnert hätte. Für einen kurzen Zeitraum war ich in Gedanken wieder ein junger Erwachsener ohne Sorgen, ohne nennenswerte Gedanken an die Zukunft, der einfach nur mit Freunden herum alberte und den Abend genoss. Ein wirklich interessanter Abend und perfekt, um den tief in Arbeit steckenden Kopf für einige Stunden wieder frei zu bekommen.